Dietmar Steinbrenners neuer Thriller in der renommierten Zeitung „Die Zeit“

Heute (07. Mai 2020) wurde der neue und packende Thriller von Dietmar Steinbrenner „Gier auf der Waagschale“ in der renommierten Wochenzeitung „Die Zeit“  vorgestellt. Der Arzt und Autor berichtet darin über einen besonders brisanten und schockierenden Fall aus seiner Zeit als Gerichtsmediziner, der die österreichische Justiz über viele Jahre beschäftigte und der ihn bis heute nicht mehr loslässt. Ein True Crime Thriller, der auch Sie in seinen Bann ziehen wird!

Lesen Sie hier, was es bedeutet, gerichtlich beeideter Gutachter zu sein, welchen Herausforderungen Richter*innen heute gegenüberstehen und wozu Täter*innen wirklich fähig sind.


Ihr Buch „Gier auf der Waagschale“ ist ein Thriller aus dem österreichischen Justizmilieu. Welche wahren Ereignisse stecken dahinter?

Dietmar Steinbrenner: Ich wurde 1984 als Gutachter zu meinem ersten großen Mordprozess beauftragt. Damals erschoss ein Richter, der wegen Betrug an seinen Parteien das Richteramt verloren hatte, einen Anwalt. Ich wurde vom dritten Richter, der in dem Prozess involviert war, als Internist zum Gutachter gemacht, weil der Angeklagte seinen absichtlich herbeigeführten Gewichtsverlust durch eine Reduktionsdiät benützt hat, um Kreislaufschwäche zu simulieren und damit seine Verhandlungsfähigkeit in Frage zu stellen. Das wäre ein Nichtigkeitsgrund gewesen. Außerdem wollte sich der Angeklagte dadurch die aktive Teilnahme am Lokalaugenschein ersparen, denn er wusste, dass er dabei Fehler machen würde, da er sich an Details der Örtlichkeit nicht mehr erinnern konnte. Da er also seine inzwischen geänderte Version des Tathergangs im Lokalaugenschein nicht nachspielen konnte, weil er offensichtlich zu schwach war, um die 90kg Puppe, die das Opfer darstellte, zu bewegen, wollte er sich damit dem Lokalaugenschein entziehen. Ich war daher bis zu zweimal pro Tag im Gericht, um Verhandlungsfähigkeit festzustellen.


Was war so besonders an dem Fall, dass er Sie nicht mehr losgelassen hat?

Steinbrenner: Dieser Fall war etwas Außergewöhnliches – normalerweise dauert so ein Prozess ein oder zwei Tage, aber dieser Prozess dauerte drei Wochen. Der Fall hat damals großes Medieninteresse geweckt – welcher Richter wird schon selbst zum Mörder? Dass ein Täter das Gericht so herausfordert, das hat es in Österreich vorher noch nicht gegeben. Ich bin jetzt das 39. Jahr gerichtlich beeideter Sachverständiger und so eine Täterstruktur gab es auch danach nie wieder. Ein intelligenter Täter, der weiß, wie man seine Tat am besten verdeckt – und das war dieser Richter –, der ist gefährlich. Den entdeckt man schwer oder gar nicht.


So entstand also die Idee eines Buchs dazu …

Steinbrenner: Ich wollte diese Geschichte immer schon schreiben. Mich hat immer interessiert: Warum macht man so etwas? Wie wird man zum Täter obwohl man weder finanzielle Probleme noch ein persönliches Beziehungsproblem wie etwa Wut oder Enttäuschung hat, noch Angehöriger eines sehr honorigen Standes ist und hohe Sozialprestige genießt? Das erste Drittel des Buches ist daher auch meine Antwort auf die Frage, wie man zum Mörder wird, wenn man eine Ausgangsbasis wie dieser Richter hat.


Wie lange hat es von der ersten Idee bis zum handfesten Buch gedauert?

Steinbrenner: Ich habe zuerst versucht, das Buch zu diktieren. Aber das war eine Katastrophe. Es war unlesbar, es war voll mit dem typischen Gutachter-Sprachschatz. Viele Jahrzehnte später habe ich es mühevoll in einer ersten Version, relativ nüchtern, zu Papier gebracht. Dann habe ich noch alles dichterisch erweitert; den Täter, die Mutter des Täters, den Gerichtspräsidenten, den Gefängnisarzt und den Gerichtsmediziner ein bisschen mehr ausgemalt. Das ist heute das Buch geworden.


Könnte sich ein ähnlicher Fall auch heutzutage im Justizmilieu zutragen?

Steinbrenner: Im Prinzip ja. Die pathologische Charakterstruktur des Täters kann es immer wieder geben. Der Fehler des Opfers war, dass den Lügen des Täters Glauben geschenkt hatte, der nicht als gefährlicher Narzisst erkannt wurde. Ein Narzisst ist ein äußerst kalter, berechnender Egozentriker, dem es nur um sich selbst geht, der alle anderen manipuliert, der keine Frustrationstoleranz hat, und der zu solchen Taten fähig ist, um sich selbst zu erhöhen.


Sie haben Medizin studiert und waren auch stets als Behandlungsarzt und Arzt bei einer Versicherungsanstalt tätig. Wie kamen Sie zur Tätigkeit als gerichtlich beeideter Gutachter?

Steinbrenner: Die Tätigkeit bei einer Versicherung ist in der Regel auch eine gutachterliche. Man wird gefragt, wie Leistungsfälle, die an die Versicherung herangetragen werden, zu beurteilen sind, so dass sie rechtskonform abgewickelt werden können – ob jemand ein Medikament oder eine Behandlung wirklich braucht, usw. Über diese Gutachterei bin ich auf die Idee gekommen, mich gerichtlich beeiden zu lassen. Diese Tätigkeit am Gericht ist aber etwas ganz anderes. Da ist jedes Gutachten ein Schicksal.


Was möchten Sie angehenden Richter*innen aufgrund Ihrer Erfahrung mit auf den Weg geben?

Steinbrenner: Ich würde einem Richter empfehlen, sich um die menschliche Seite des Täters oder des Beklagten oder Klägers mehr zu kümmern. Der Richter sieht meistens den Täter nur vor dem Urteil. Was danach durch das Urteil bewirkt wird, sieht der Richter weniger. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist: Wie müsste ich mit einem Verurteilten oder Angeklagten umgehen, um seinen weiteren Lebensweg doch günstiger zu beeinflussen?

Das Problem ist, dass eine Strafhaft den Menschen in der Regel nicht zum Guten verändert. Der Sinn der Haft ist nicht die Resozialisierung, wenn der Täter ja nie sozialisiert war. Er war immer schon außerhalb der Gesellschaft. Das ist eine Illusion. Der Sinn ist die Generalprävention, dass man weiß, man wird bestraft, und dass die Idee der Gerechtigkeit lebe und dass die Leute, die ein bürgerliches Leben führen, ruhig schlafen können, weil sie wissen, dass die Bösen alle gefasst werden – was aber leider nicht immer der Fall ist.


Und was künftigen Ärzt*innen?

Steinbrenner: Das einzige, das im Alter besser wird, ist die Erfahrung. Heute befragt man Menschen in der Medizin nicht mehr, um darauf zu kommen, was es sein könnte, sondern man schickt sie zu allen möglichen Tests und hofft, dass die Diagnose aus einer Maschine heraus kommt. Das macht man ziemlich unkritisch. Das ist das Problem der heutigen Behandlungsmedizin. Man braucht wieder Ärzte, die zuhören, und ihre Erfahrung anwenden und weitergeben.


Was möchten Sie mit dem Buch „Gier auf der Waagschale“ bewirken?

Steinbrenner: Meiner Leserinnen und Leser sollen sich den narzisstischen Charakter eines Menschen bewusst machen. Ein Narzisst ist ein gefährlicher Partner in jeder Lebenslage, weil er andere Menschen nur benutzt und oft auch sehr weit damit kommt. Man fällt leicht auf ihn hinein, weil er charmant und anziehend wirken kann – ob er Chef oder Untergebener ist, ob er ein geschäftlicher oder privater Partner.


Welche Bücher und Autor*innen konsumieren Sie gerne neben der Fachliteratur?

Steinbrenner: Ich bin ein Fan der Geschichte. Mich interessieren historische Romane und Persönlichkeiten oder die Geschichte der Medizin, denn die ist etwas sehr Spannendes. Viele Ideen, die im Laufe der Zeit als Heilkunde verkauft und ausgeübt wurden, die gibt es heute noch. Das Krankheitsverständnis hat sich natürlich völlig geändert. Man weiß beispielsweise erst seit knapp zweihundert Jahren, was ein Bakterium ist und was eine bakterielle Infektion ist, und dass man das Infektionsrisiko zum Beispiel durch das Händewaschen vermindern kann.

 

Foto-Copyright: © Simon Klein

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