„Ich brauche die sinnlichen Erfahrungen für die Bilder“

Wir treffen Birgit Pölzl im ORF-Park in Graz St. Peter, wo sie am 20. August gemeinsam mit Wolfgang Pollanz liest (https://steiermark.orf.at/studio/stories/1405/). Die renommierte Autorin erzählt über ihr neues Buch „Von Wegen“, über die Jahre als Literaturchefin bei den Grazer Minoriten und über den Bachmann-Preis.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Birgit Pölzl: Seit ich auf der Welt bin, schreibe ich. Oder erzähle ich...

Wann haben Sie das erste Mal das Gefühl gehabt, da ist ein Text, der mehr als eine Tagebuchaufzeichnung ist?
Sehr spät, ich habe viel weggeworfen. Erst im Gymnasium, in der Oberstufe.

Was haben Ihre Deutschlehrer zu Ihren Texten gesagt?
Deutschlehrer kann man ja schnell glücklich machen, das war nicht das Problem. Deutsch war das Fach, das ich geliebt habe, wo ich eben schon früh gemerkt habe: Das ist die Ausdrucksform für mich.

Dann haben Sie Germanistik studiert. War das damals sehr vergangenheitsverhaftet?
Ja, aber es gab durchaus Möglichkeiten, sich über Wahlfächer mit zeitgenössischen Autorinnen und Autoren zu konfrontieren – es hat durchaus Gegenwartsbezug gegeben.

Wann ist Ihr erstes Buch erschienen?
Ich weiß nur mehr, dass ich Alfred Kolleritsch einen Text schickte und er mich anrief und fragte, ob es mehr gibt und dann meinte, das soll ein Buch werden. Ich kann jetzt gar keine Jahreszahl nennen. Ich bin schlecht mit Zahlen – und es ist mir auch egal.

Sie wurden von Alfred Kolleritsch gefördert und haben Ihrerseits auch viele Autorinnen und Autoren gefördert, vor allem durch die Minoriten. Wie wichtig war es für Sie, Netzwerke entstehen zu lassen?
Damals hab ich gesehen, dass es eine Möglichkeit gibt, Netzwerke zu schaffen und Präsentationsflächen zu schaffen, die die Gewähr dafür bieten, dass ich interessante, gute, lebendige Literatur rezipieren kann und auch AutorInnen und verschiedene Verfahrensweisen kennenlernen kann. Das hat mir große Freude bereitet, auch der Austausch. Im inneren literarischen Feld ist der Austausch doch ziemlich intensiv.

Wenn man schon aus beruflichen Gründen viele Lesungen besucht und viel liest, muss man dann aufpassen, dass man seine eigene Sprache, seinen eigenen Stil nicht verliert?
Phasenweise ist das eigene Schreiben in den Hintergrund gerückt worden, weil es auch ein Zeitproblem war. Es war nicht leicht, einen Ausgleich zu schaffen, aber ich hatte nie das Gefühl, dass meine Zugänge und meine Verfahren durch die Rezeption anderer gehemmt worden wären. Ich bin eine langsame Schreiberin, ich brauche Zeit, das war eher das Problem.

Die Abstände zwischen den Büchern betragen so zwischen vier und sechs Jahren. Wie lang haben Sie an „Von Wegen“ gearbeitet?
Sehr lang, mindestens sechs Jahre, weil da auch in meinem Leben viel dazwischen gekommen ist. Unfall und Krankheit, das war eine schwierige Zeit.

Der Roman ist mehrschichtig aufgebaut – mehrere Sprachen, mehrere Tonlagen, mehrere Personen: Wie behält man denn da den Überblick? Haben Sie ein Schema, kennen Sie die Personen so genau, dass Sie immer wissen, wie die spricht?
Genau, das ist vielleicht der Vorteil dieses Prozesses, der sich über Jahre erstreckt, man kennt die Personen der Handlung. Es sind drei Figuren, Anna fährt nach Nepal, um ihre verunglückte Tochter zu betrauern und das Umfeld kennenzulernen. Ich bin auch ein halbes Jahr nach Nepal und Indien gegangen. Man fährt den Figuren hinterher.

Sie fahren wirklich dorthin, weil Sie das spüren wollen?
Ja, vor allem riechen. Ich brauche die sinnlichen Erfahrungen für die Bilder. Es ist zwar ein unglaublicher Aufwand, aber da ich finanzielle Unabhängigkeit hatte, musste ich auch nicht jedes zweite Jahr ein Buch herausbringen. Mein Denken und mein Schreiben sind sehr stark gegen neoliberale Entwicklungen gerichtet, die das Selbstoptimieren so vorantreiben. Der langsame Schreibprozess ist eine Möglichkeit, gegen diese Selbstoptimierung anzugehen.

Sie sind ja früher viel gereist, wie haben Sie den Lockdown erlebt?
Das hat mir nichts ausgemacht, ich bin jeden Tag in den Wald und auf den Berg gegangen. Das Wahrnehmen des Kleinen und Nahen ist auch eine Erfahrung und das hat mir ganz gut getan.

Sie waren 2014 beim Bachmann-Preis. Wie war das für Sie? Und haben Sie den ersten virtuellen Bachmannpreis heuer mitverfolgt?
Ich habe den Bachmann-Preis heuer zum Teil gesehen. Ich habe mich über die Preisträgerin sehr gefreut, weil es ihr gelungen ist, ein belastetes Verhältnis zu beschreiben, ohne zu werten, das hat mich sehr beeindruckt. Meine eigene Bachmann-Preis-Erfahrung war keine gute, ich war auf mich selber böse, weil ich mich nicht zur Wehr gesetzt habe. Das hätte ich nie von mir gedacht, dass ich nicht sage: „Das hat mit dem Text nichts zu tun.“

Würden Sie trotzdem noch einmal hinfahren, wenn Sie eingeladen werden?
Wahrscheinlich schon, man kennt ja den Kontext. Jetzt wäre ich auch sicher, dass ich das könnte, weil ich die Erfahrung habe, dass ich nicht verstummen muss, wenn ein Text von mir ungerecht behandelt wird.

„Von Wegen“ führt eine Geschichte aus dem Buch „Das Weite suchen“ fort. Ist die Geschichte damit zu Ende?
Ich glaube, dann ist das Kapitel geschlossen. Vorerst.

Im August lesen Sie im ORF-Park, zusammen mit Wolfgang Pollanz. Was ist das Besondere an den Lesungen am Teich?
Das Besondere ist das Publikum, das zahlreich vorhanden ist, aber kein per se sehr literaturaffines ist. Von daher ist es eine andere Atmosphäre, eine Leichtigkeit, die mit Musik und dem ganzen Ambiente etwas Eigenständiges und Eigensinniges bekommt, das finde ich schön.

Sucht man sich dann bewusst etwas Leichteres oder Unterhaltsameres aus oder wählt man etwas, wo man zeigt, was Literatur kann?
Die Kunst ist, das nicht zum Gegensatz werden zu lassen. Literatur kann durchaus zeigen, was sie kann und zugleich leicht sein. Das werde ich versuchen.

Stellt man sich da auf das Gegenüber ein, in dem Fall auf Wolfgang Pollanz?
Wahrscheinlich werden wir uns absprechen. Ich finde es immer schön, wenn es eine Dramaturgie gibt.

Zu den Minoriten: Gab es Lesungen, die Sie in der Retrospektive besonders freuen?
Immer gefreut haben mich die Lesungen und Abende mit Friederike Mayröcker, die waren ein Geschenk. Geliebt habe ich auch die politisch-widerständigen Veranstaltungen. Man kann gar nicht widerständig genug sein, das muss ich immer wieder feststellen.

Setzt man sich als Autorin nach einem fertigen, abgegebenen Buch hin und fängt gleich wieder mit dem nächsten an?
Nein, jetzt habe ich das Gefühl, ich kann einfach mal wegfahren.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem neuen Buch!


Leseprobe und Bestellmöglichkeit: „Von Wegen“ von Birgit Pölzl

Bilder: © Leykam Verlag

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein.

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
Von Wegen Von Wegen
€ 21,00 *

Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter und verpassen Sie keine Neuigkeit oder Aktion mehr von Leykam Buchverlag.