Wandern mit Herbert Hirschler

Herbert Hirschler ist nicht nur Autor zweier beliebter Jakobsweg-Bücher aus dem Leykam Buchverlag, er ist auch ein begeisterter Niederösterreicher. Daher mussten wir ihn gar nicht lange bitten, uns eine Route in seiner Nachbarschaft zu schicken. Teil Nr. 2 unser Wander-Serie, die wir für den Sommer 2020 mit einigen unserer Autor*innen konzipiert haben. Auf geht’s!

St. Johann – „Heahnakreun“ - Gösing (898 m) – Aussichtsplatz Gösingbankerl

„Net scho‘ wieder …“ werden sich bestimmt einige meiner Freunde denken, wenn ich wieder mal ein paar Fotos veröffentliche, die vielen vorangegangenen auf’s Haar gleichen. Die aber doch immer etwas anders sind, weil sie die Natur in all ihren Farben und Veränderungen zeigt. Fast im Monatsabstand dasselbe Motiv, aber manchmal liegt Schnee, oft scheint die Sonne, Nebel im Tal oder tiefblauer Himmel über herbstlich verfärbtem Wald, immer den Schneeberg im Hintergrund und Sieding, das kleine verträumte Nest in dem ich geboren bin, weit unten, eingebettet wie ein kleines Juwel im Sierningtal. Wie ein Magnet zieht es mich rauf zu „meinem“ Bankerl hoch droben am Gösing, der mit seinen 898 Metern für echte Alpin-Österreicher wahrscheinlich nicht mehr als ein kleines Hügerl, für uns Alpenvorlandler im südlichen Niederösterreich, genauer gesagt im Gemeindegebiet von Ternitz, aber doch ein gestandener Berg ist.

Man kann sich diesen besonderen Platz von verschiedenen Einstiegspunkten aus erwandern. Meine Leykam-Schreib- und Wanderkollegin Daniela Leinweber macht dies vom „Wilden Westen“ aus Flatz über die gleichnamige „Flatzer Wand“, die nahtlos in den Gösing übergeht. Ich bevorzuge die Variante direkt von meinem Haus in St. Johann. Wunderschöne Pfade führen auch hinauf aus Sieding, dem Ort, der inmitten saftig grüner Wälder und Wiesen unter den mächtigen Felsen des Gösing liegt.

Und genau diesen Ausblick auf Sieding und seine nicht nur von oben winzig anmutenden Ortsteile Gadenweith, Thann und Edlitzbrunnsiedlung, den Blick auf die umliegenden Berge, den Gahns und ganz besonders den Schneeberg, mit 2.076 m der östlichste Zweitausender der Alpen und noch dazu der höchste Gipfel Niederösterreichs, dieses Panorama meiner Heimat liebe ich so sehr, dass ich gar nicht anders kann, als monatlich meine Facebook- und andere Freunde mit Fotos von immer denselben Motiven und Perspektiven zu quä… - sorry, zu erfreuen.

Mein Weg führt mich vorbei an der imposanten, mehr als 800 Jahre alten Pfarrkirche St. Johann, wo es für Gäste auch die Möglichkeit zum Parken gibt, hinauf auf die „Leichtn“. Über dem Friedhof beginnt dieses hügelige Wiesengebiet, das man eigentlich in weit höheren Regionen vermuten würde. Um es als „Alm“ zu bezeichnen, dafür ist es doch zu klein, aber in den warmen Monaten wird es natürlich als Weidegebiet genutzt. Die Flächen für unsere einheimischen Milchlieferanten sind durch Elektrozäune gut abgetrennt und so ist diese Begegnungszone von Kuh und Mensch gefahrlos zu durchqueren.

Am Ende der „Leichtn“ zweigt ein Waldweg rechts rauf zu den „Sesselbäumen“. Die fünf Bäume sind schon eine kleine Berühmtheit in unseren Breiten. Die Stämme verzweigen sich etwa einen Meter über dem Boden in alle möglichen Bögen und Richtungen und irgendwie sehen sie aus, als ob sich längst ausgestorbene Riesenmenschen aus den Ästen Sesseln gebogen hätten. Daher auch der Name, nicht nur Kinder lieben es, auf den Stämmen herum zu klettern und von Riesen zu träumen.

Die „Sesselbäume“ lasse ich aber links liegen und wandere ab jetzt der roten Markierung nach, bis zu einigen Wegweisern die mir anzeigen, dass es links rauf über den „Hühnersteig“ zum Gösing geht. Das Wort „Hühnersteig“ kennt bei uns aber niemand, bei uns heißt diese kleine, felsige Steilstufe „Heahnakreun“, und in einer guten Viertelstunde werde ich sie – hoffentlich – erreichen. Und das bei 30 Grad und wolkenlosem Himmel. Mit meinen viel zu vielen Kilos habe ich da schlechte Karten. Bin zwar 1.95 m groß, aber eigentlich müsste ich für mein Gewicht über 2,50 m sein, das wird sich nicht mehr machen lassen, fürchte ich. Kurz gesagt, diese Masse lässt sich schwer bergauf bewegen, noch dazu wenn die Sonne runterheizt, dass die Karibik dagegen ein Polarmeer ist. Schwitzen kann ich ordentlich, das habe ich schon auf meinen 2000 Kilometern auf den Jakobswegen durch Spanien und Portugal bewiesen. Aber ich bin selbst überrascht, wieviel Liter Wasser in meinem zierlichen Körper Platz haben. Noch dazu wo ich gestern etwas länger mit den Siedinger Waldbesitzern über eine neue Forststraße diskutieren musste – beim Wirt unseres Vertrauens. Es ist bestimmt nicht nur Wasser, das meinen Körper fluchtartig verlässt.

Ich quäle mich also auf einem gar nicht mal so steilen, aber heute für mich trotzdem anstrengenden Waldweg fünfzehn Minuten zur „Heahnakreun“, für unsere deutschen Leser „Hühnerkralle“. Es gibt hier einige außerordentlich schöne Aussichtsmöglichkeiten auf St. Johann und den Gfieder mit der Warte obendrauf, von der man bei schönem Wetter bis zum Neusiedlersee gucken kann. Im Wald ist es temperaturtechnisch nicht so schlimm, aber vor dem Einstieg in die heute fast überhängend wirkende Felsenformation sind Bäume nicht geduldet, hier haben Sträucher das Regiment übernommen und bilden keinen wirklichen Schutz vor der Sonne. Die weiß das natürlich und nagelt unbarmherzig auf meinen ausgemergelten Körper. Zum Trotz wackle ich mutig weiter und absolviere die „Heahnakreun“ in Rekordzeit, da schaut sie, die Sonne – ha!

Oben muss ich mich nach fünfzig Metern flachem Weg entscheiden, ob ich wirklich zum Gösinggipfel möchte, oder nicht doch den kürzeren Weg zur „Flatzer Hütte“ einschlage. Meine Schuhe zeigen schon Richtung Hütte, aber mein Herz gewinnt wieder mal und so geht’s links rauf zum Gipfel, und damit auch zu „meinem“ Bankerl, das nur wenige Minuten vom höchsten Punkt entfernt auf mich wartet. Ich könnte jetzt auf der etwas längeren Forststraße marschieren, die rote Markierung führt aber nach einigen Metern rechts weg auf einen schmalen Pfad bergaufwärts. Zweimal überquere ich die in Serpentinen hinaufführende Sandstraße, immer wieder gibt es „Holzschläge“, wo der Wald ausgedünnt wurde und die Sonne erbarmungslos auf mich niederbrennt. Aber - ich muss gestehen, dass ich das gar nicht so als „erbarmungslos“ sehe. Nein, ich mag es sogar, wenn es so richtig heiß ist beim Wandern. Je mehr ich schwitze, desto froher (gibt es das Wort?) bin ich. Ich weiß nur nicht, ob das ebenso für die paar Wanderer gilt, die mir gerade entgegenkommen. Ich habe heute keines meiner Merino-Leiberl an, die es meist für ein paar Stunden schaffen, mich geruchstechnisch einigermaßen unauffällig zu halten. Heute habe ich da kein gutes Gefühl, die Gruppe wünscht mir aber trotzdem ein herzliches „Griass di“ und sollten sie sich dreißig Meter weiter unten übergeben, dann bekomme ich wenigstens nichts mit.

Jetzt habe ich zum dritten Mal die Forststraße erreicht, gegenüber würde ein schmaler Pfad relativ steil direkt zum Gipfel führen. Ich möchte mir meine Kräfte sparen und wandere jetzt direkt auf der Straße rechts weiter. Auch die rote Markierung ist meiner Meinung, nach ca. einem halben Kilometer zeigt ein rotweißer Pfeil nach links. Also doch, jetzt heißt es auch für mich noch einmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, ein paar hundert Meter geht es etwas steiler rauf bevor ich dann endlich das bewaldete Gipfelplateau erreicht habt. Schnaufend wie eine alte Dampflok bewältige ich die letzten Meter zum Gipfelkreuz mit Wahnsinnsgeschwindigkeit. Endlich geschafft!

Zeit: eine Stunde acht Minuten von meinem Haus weg. Gar nicht mal so schlecht. Ich bin ja gewichts- und fitness-technisch das allerbeste Beispiel für ein lebendes Jo-Jo. Meine Gösingbewältigungszeiten reichen von einer Stunde (da bin ich aber topfit und alles muss passen, die Schuhe und die Lungen müssen geschmiert sein und die Luftfeuchtigkeit genau auf … - ok, lassen wir das) bis zu einer Stunde und zwanzig Minuten (da bin ich das Gegenteil von der obigen Klammer). Nach meinem ersten Jakobsweg bin ich die Strecke teilweise gerannt und habe den Aufstieg geschafft in neunundvierzig Minuten - und neunundfünfzig Sekunden, ohne Schmäh, aber ich wollte es unter fünfzig Minuten schaffen und ganz oben hat es mir fast die Lungenflügel durch die Mandeln gezogen. Man sieht also, was alles möglich wäre, aber leider: Jo-Jo.

Lassen wir das, es ist so schön, wieder am Gipfel des Gösing zu sein. Das alte Holzkreuz wurde vor einigen Jahren durch ein Aluminium-Gebilde ersetzt und das funkelt manchmal in der Sonne, dass es eine wahre Freude ist. Zum vollkommenen Glück fehlt aber jetzt noch eines: MEIN Gösingbankerl. Der Weg führt rechts weg und nach ca. zweihundert Metern zweigt ein kleiner Steig links hinab. Durch die Bäume kann man schon die vor einigen Jahren aufgestellte Informationstafel sehen, das Bankerl ist leider dahinter versteckt. Und dann ist es soweit, ich spüre ein Gefühl von grenzenloser Freiheit, wenn ich von diesem Platz ins Tal sehe. Weit unter mir liegt das Sierningtal und das kleine Nest Sieding, das mir so viel bedeutet. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Tals sehe ich die bewaldeten Erhebungen Asand, Schacher und den Gahns, und über allem thront der mächtige Gebirgszug des Schneebergs. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mich schon in das Bankerlbuch eingetragen habe, aber immer wieder ist es für mich ein Erlebnis, hier zu sein und die Stimmung auf diesem ganz besonderen Platz einzuatmen und in mir aufzunehmen.

Und weil es hier gar so schön ist, habe ich im vorigen Jahr nach 700 Texten quer durch den Gemüsegarten der Schlager- und Volksmusik mein erstes Heimatlied geschrieben, es heißt – wie könnt’s auch anders sein – „Das Bankerl auf’n Gösing drob’n“. Wen’s interessiert - nachstehend das Video mit vielen Bildern meiner Gösing-Besteigungen und dem wunderschönen Gesang von Gitti und Sabrina Trimmel, Tochter und Enkeltochter von Hans Triebl, einer der bekanntesten Volkssänger unseres Sierningtals.

So, das war’s mit meiner Beschreibung. Wie heißt es im Fliegerjargon: Runter kommen sie alle von selbst. Und auch vom Gösing führen viele Wege in das Tal. Man kann über das Neunkirchner Naturfreundehaus, bei uns aber besser unter Flatzer Hütte bekannt, absteigen, wobei dieser Weg an Wochenenden sehr oft unverhältnismäßig lange dauern kann, weil man einfach viel zu viele Freunde und Bekannte hier heroben trifft und wenn man nicht gefestigt ist wie ich, dann kann es schon passieren, dass man in der Hütte etwas „versumpert“. Eine andere Variante ist der Forstweg nach Sieding-Stixenstein, über den man bequem in eineinhalb Stunden zum Zentrum des Naturparks Sierningtal-Flatzer-Wand kommt. Wo man allerdings samstags und sonntags ev. wieder nicht so einfach vorbeikommt, weil - man ahnt es schon: Ausschank, Freunde, Bekannte, ev. nicht gefestigt. Man kann aber auch nach St. Johann zurück absteigen, oder nach Flatz, nach Würflach, Gutenmann, usw. - viele Wege führen hinab in das Tal von diesem wunderbaren Berg Gösing.

Ich wähle den Forstweg in das Naturparkzentrum und schaue (völlig gefestigt), ob ich zufällig Freunde oder Bekannte treffe. Aber als ich dort ankomme, ist die Hütte bummnagelfest zu. Leider. Aber vielleicht auch zum Glück, denn wer weiß … Ich schau mir wie immer an diesem Platz das imposante Schloss Stixenstein an, das hoch über der Sierning thront und marschiere durch die idyllische Allee nach Sieding. Bei der heimeligen Maria-Hilf-Kirche, in der ich gefühlte hundert Jahre Ministrant war (vor gefühlten hundert Jahren), erreiche ich wieder eine asphaltierte Straße und wandere links Richtung St. Johann. Hier könnte ich auf einem Waldweg entlang der B26 dahinschlendern, aber zufällig steht da mein Auto auf einem Parkplatz – genau vor dem Strebinger-Wirten. Wie durch ein Wunder ist mir gestern am Abend hier einfach der Motor „abgestorben“, und weil bei der Besprechung bezüglich einer neuen Forststraße so viele Bekannte anwesend waren und bei mir das mit dem „Gefestigtsein“ anscheinend doch nicht so ausgeprägt ist, hat dieser Abend etwas länger gedauert, und da wollte ich das Auto nicht mehr beim Schlafen stören. Meine Moni hat mich dann abgeholt, aber das ist eine andere Geschichte …

Foto: © privat

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